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GLÜCKLICH LEBEN AM BAHNHOF

Nur selten lebt jemand freiwillig in unmittelbarer Nähe einer rauschenden Autobahn. Oder im Schallbereich eines Flughafens. Anders verhält es sich mit Leben und Arbeiten an einem Bahnhof. Die Mietwohnungen und Gewerberäume bei den Appenzeller Bahnen sind beliebt. In einem Bahnhofgebäude daheim zu sein bedeutet, dass man sich noch schnell die Schuhe zuschnüren und den Espresso trinken kann, während man den Zug aus dem Stubenfenster schon ankommen sieht. Vor allem aber bietet die Bahnstation vor der Haustüre eine direkte Verbindung zur Welt – in jedem noch so kleinen Dorf, zu fast jeder Zeit. Auch aus diesem Grund empfindet Marilene Hess das Wohnen am Bahnhof in Gais als grosses Privileg.

«VON UNSEREN SECHS VERKAUFSGESCHÄFTEN HABEN WIR IM BAHNHOF IN TEUFEN JENES MIT DEM GLEICHMÄSSIGSTEN UMSATZ.»
Alfed Sutter, Inhaber Café und Bäckerei Böhli

Er steht nicht selber an der Verkaufsfront, sondern produziert in der Backstube in Appenzell verschiedene Spezialitäten. Bald steht dem Café Böhli in Teufen eine unruhige Zeit bevor. Im Zuge der Modernisierung der Appenzeller Bahnen erfolgt 2018 bis 2019 die Erweiterung auf drei Gleise und ein Totalumbau mit Perronerhöhung. Die Mitarbeitenden und Gäste im Café werden den Baulärm spüren und müssen zwischendurch mit erschwertem Zugang zum Gebäude rechnen. Alfred Sutter befürchtet negative Auswirkungen für sein Geschäft während der Bauphase. Doch auf lange Sicht ist er zuversichtlich, von der zukünftigen Ortsdurchfahrt im Viertelstundentakt dank mehr Bahn- und Bäckereikunden profitieren zu können: «Wie sich der Umbau wirklich auswirken wird für uns, das zeigt erst die Zukunft.» Noch steht Daniela Sager gut gelaunt am Bäckereitresen. Die Verkäuferin kennt die «Böhli»-Stammgäste aus dem Dorf alle mit Namen. Vertraut sind ihr auch die Gesichter einiger Bahnangestellter. Bei eiligen Pendlern, die nicht den Zug verpassen wollen, sei dies weniger der Fall, erklärt die freundliche junge Frau. Einen Moment warten auf einen heissen Kaffee oder bis die ausgesuchten Pralinen hübsch verpackt sind, das liegt für die meisten Kunden in der Zeitreserve drin. Nicht eilig hätten es die Kinder, weiss Alfred Sutter aus eigener Beobachtung. Denn diese lieben es, im Café sitzend zuzuschauen, wie die Züge ein- und wieder abfahren. Ebenso Pensionäre, die am Bahnhof genussvoll das Kommen und Gehen der Reisenden beobachten. Gut möglich dass die anstehenden Bauarbeiten auch Schaulustige und vor allem Bauarbeiter ins Café locken. Von den Vorzügen der Bahnhofsnähe überzeugt ist auch Thérèse Rita Kuhn. Die Naturheilpraktikerin, eidg. Dipl. in TEN, führt im Depotgebäude der Appenzeller Bahnen in Speicher eine Praxis. Bis vor sieben Jahren lag ihr Geschäft noch in einem alten Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite im Parterre. «Das ist kein Vergleich zu dieser wunderbaren Panoramasicht, die wir jetzt im ehemaligen Direktionsbüro haben», schwärmt die 45-Jährige mit Zürcher Dialekt. Grosse Umbauten waren vor ihrem Einzug als neue Mieterin nicht notwendig. Weiss übermalte Einbauschränke unterstützen die freundliche Raumwirkung zusätzlich. Bereits als Kind weilte die Heilpraktikerin oft in Speicher. Sie erinnert sich heute mit nostalgischen Gefühlen an orange Bahnen und blaue Waggons und an Bahnbillette, die vom Kondukteur geknipst wurden. Doch aufgeschlossen gegenüber Neuerungen, freut sich Thérèse Rita Kuhn über die anstehende Modernisierung bei den Appenzeller Bahnen. «Gerade in der Ostschweiz gilt es, den öffentlichen Verkehr mit besseren Verbindungen und komfortablen, neuen Zügen zu stärken, damit die Region nicht das Nachsehen hat», so die Meinung der Heilpraktikerin.

«IM EHEMALIGEN DIREKTIONSBÜRO DER APPENZELLER BAHNEN GENIESSEN WIR EINE WUNDERBARE PANORAMASICHT.»
Thérèse Rita Kuhn, Heilpraktikerin mit Praxis beim Bahndepot Speicher

Der Umbau im Depot Speicher mit Platz für neue Fahrzeuge ist bereits in Gang. Die Mieter betrifft das nur am Rande. Ihre Verbundenheit mit der Ostschweiz liess Thérèse Rita Kuhn nicht zweimal überlegen, als es in jungen Jahren darum ging, den Lebensmittelpunkt ganz nach Speicher zu verlegen. Die gut erschlossene Lage ihrer Praxis bezeichnet sie als ideal, für sich persönlich wie für die Naturheilpraxis. Teils reisen ihre Patienten aus dem Welschland an wegen gesundheitlicher Beschwerden. Die Heilpraktikerin geniesst im Alltag den freundschaftlichen Kontakt zu weiteren Firmeninhabern, die im Depot der Appenzeller Bahnen eingemietet sind. Zweimal im Jahr trifft man sich zum lockeren Austausch bei einem Mittagessen. Das Wartezimmer im zweiten Stock teile man sich, ohne Berührungsängste zwischen Naturheilpraxis, Kleiderfirma und Kosmetikstudio. Das Wartezimmer werde ab und zu auch für einen Modeapéro oder eine Weihnachtsausstellung umfunktioniert, erklärt Thérèse Rita Kuhn bei einem kleinen Rundgang durch die Räumlichkeiten. Ähnlich unkompliziert ist ihr Umgang mit dem täglichen Betrieb im Bahndepot Speicher. Von den manchmal lautstarken Arbeiten zwei Stockwerke darunter spürt sie vor allem etwas, wenn Züge rangiert werden. Sie wisse aber, das gehe schnell vorüber. Sind die Geräusche sehr laut, und sie massiert gerade jemanden auf der Liege in der Praxis, so empfiehlt die Heilpraktikerin eine Übung, um den Fokus zu verschieben: «Es ist, wie wenn der Partner neben einem laut schnarcht. Wer sich darauf konzentriert, macht es nur schlimmer. Man kann versuchen, sich etwas Schönes vorzustellen und gedanklich in eine andere Welt einzutauchen. » Auf die kleinen positiven Dinge setzt die Heilpraktikerin im Alltag bereits am Morgen unterwegs zur Arbeit. Begegnet sie vor dem Haus einem Bahnangestellten, wechsle man ein paar Worte oder winke sich freundlich lächelnd zu. Und betritt Thérèse Rita Kuhn ihren Praxisraum, erfreut sie sich am Ausblick auf die Appenzeller Landschaft mit dem Dorf Rehetobel direkt gegenüber.

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