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SCHLUSSLICHT

SCHLUSSLICHT

NAH DER GLEISE

Seit bald acht Jahren lebe ich in Zürich. «Ein urbaner Dschungel!», mögen sich Ruhesuchende entsetzen: Stress, kaum Musse. Ich inhaliere selig das kosmopolitische Flair. Aufgewachsen bin ich aber auf dem Land – irgendwo zwischen Churfirsten und Gübsensee. Mein Vater war Bahnwärter der heimischen Dorfstation. Und so verbrachte ich als Kind viel Zeit in der Nähe der Züge und Gleise. Kaum zwei Häuser vom Bahnhof entfernt, wohnte zu jener Zeit zurückgezogen eine ältere Dame. Unverheiratet. Kinderlos. Die einzige Tochter eines aus Paris stammenden Lokführers: Die Kriegserklärung an Frankreich 1914 liess ihn in der Ostschweiz seinen Frieden finden. Mademoiselle Rosalie nannte sie mein Vater liebevoll. Rosalie trug stolz purpurnen Lippenstift, am Mittwoch wie am Sonntag; ihr samtiges Veilchenparfum schwängerte die Luft. Manchmal überraschte sie meinen Vater mit einer Tasse Kaffee oder einem Gebäck, er jätete ihren Garten und schlug Brennholz. An einem trüben Oktobermorgen – mein Vater, jung gestorben, war bereits seit mehreren Jahren tot – traf ich die greise Mademoiselle zufällig auf Perron 5 in St. Gallen. Ihr Duft verriet sie im Gewirr der Wartenden. Sie lächelte, als sie meinen Namen erfuhr. Der graue Star mattete ihre Augen, doch ihre Lippen leuchteten rot. Wissen Sie, dass sich Rosalie einst verliebt hat? Einmal. Dafür unsterblich: Mitte des Jahrhunderts, eine knappe Dekade nach dem zweiten grossen Krieg, brach ein durchreisender Tunnelingenieur ihr Herz. Ein Auftrag in der Gegend veranlasste ihn dazu, sich für ein Vierteljahr in der kleinen Einzimmerwohnung oberhalb des Bahnhofs einzumieten. Er verschwand im Frühjahr. Stumm. Kein Adieu. Ob sie manchmal noch an ihn denke, habe ich sie vorsichtig gefragt. Sie schwieg.

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