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FOCUS

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108 METER NEUES GLEIS UND NÄCHTLICHE KONTROLLEN

Wenn es abends dunkel wird, geht die Arbeit für manche Angestellten der Appenzeller Bahnen erst so richtig los. Besonders nachtaktiv sind Gleisbauer und Sicherheitspersonal. Während Michael Zogg im Nachtbus Billette kontrolliert, stossen draussen die Gleisbauer auf ein hartes Problem. Plötzlich kommt Beton zum Vorschein, nachdem sie bei der Haltestelle Steigbach-Bühler das Gelände entwässert und rund 100 Tonnen Schotter ausgehoben haben. Baustellenchef Thomas Treibig ruft Guido Städler zu sich, den Gesamtleiter der Nachtbaustellen der Appenzeller Bahnen. Die Stirne in Falten gelegt, die Mundwinkel angespannt, überlegen die beiden Verantwortlichen, was zu tun ist. Eine schwere Baggerschaufel kratzt über den Betonbelag, kurz darauf der Entscheid: «Der Beton muss raus, sonst ist ein stabiler neuer Gleisbau hier nicht garantiert.» Ein Lastwagenchauffeur, der um Mitternacht die Heimfahrt angetreten hat, wird zurückbeordert. Denn das zusätzlich anfallende Abfallmaterial muss weggeführt werden.

«Der Beton muss raus, sonst ist ein
stabiler Gleisbau nicht garantiert. Das wird
Eng bis zum ersten Zug am morgen.»

«Jetzt sind alle ein bisschen nervös. Für mich heisst es Ruhe bewahren, sonst überträgt sich das auf die Männer», erklärt Thomas Treibig. Trotzdem weiss er, dass es nun eng wird mit dem Zeitplan für den Gleisumbau. Schon in wenigen Stunden, um 5.20 Uhr, sollte hier der erste Zug über die derzeit provisorisch verbundenden neuen Schienen rollen. Nur im Notfall würde Baustellenleiter  Treibig einen Bahnersatzbus anfordern. Aber das gelte es wenn immer möglich zu verhindern. Schnell werden Maschinen angeworfen, es zischt, dröhnt, raucht, und helle Staubwolken leuchten im Scheinwerferlicht. Sicherheitsmann Michael Zogg erlebt derweil eine ruhige Nachtschicht. Zwei Dutzend friedliche Fahrgäste sind  zugestiegen, um mit dem Nachtbus von Appenzell Richtung St. Gallen zu fahren. Am ersten Wochenende des Monats fehle den jungen Leuten meistens das Geld für den grossen Ausgang, erklärt der 30-jährige, der seit vier Jahren als Angestellter der Firma Ruvor in den  AB-Nachtbussen für Sicherheit sorgt. Gegen Ende des Monats, wenn die Jungen Zahltag hatten, da gehe jeweils die Post ab, so Michael Zogg. Mit den Folgen eines übermässigen Alkoholkonsums ist der junge Familienvater des öfteren  konfrontiert. Zwei- oder dreimal verwarnt er laute oder sonstwie unangenehm auffallende Passagiere, dann sei fertig lustig und der Betreffende müsse zu Fuss weiter. Heute aber sitzen ausschliesslich freundliche, zivilisierte  Fahrgäste in den Abteilen. Nur Buschauffeur Remo Castelli muss sich zusätzlich konzentrieren wegen der Nachtbaustellen zwischen Bühler und Teufen.

«Hämmern, Drücken, schrauben. Bis
zwei Schienenteile fixiert sind, braucht es
die Kraft mehrerer Männer.»

Im Aushubgraben beim Bahnübergang Sternen, Niederteufen, ist gerade zackiges Arbeiten angesagt. Es wurden zwar im Unterschied zum Umbau bei Bühler keine unliebsamen Überraschungen wie Betonbeläge, Felsen oder Werkleitungen der Cablecom gefunden, aber trotzdem ist Tempo gefordert. Denn 54 Meter alte Gleise werden in dieser Nacht abgebrochen und neue wieder gebaut. Ein Chauffeuer steuert vom Boden aus den Kran, der mit einem Versetzgerät jeweils vier Schwellen gleichzeitig durch die Luft manövriert und vorsichtig in den Aushubgraben absetzt. Jeder Handgriff sitzt, als die Arbeiter die Ketten von den Schwellen lösen. Zu sechst positionieren die Gleisbauer der Appenzeller Bahnen ein 18 Meter langes Schienenstück auf den Schwellen. Schneidbrennen, hämmern, drücken, schrauben. Bis die zwei Schienenteile fixiert sind, braucht es die Kraft mehrerer Männer gleichzeitig. Baustellenleiter Guido Städler überwacht das Geschehen und zeichnet mit einer Kreide die Schwellen-Abstände von 60 Zentimetern ein. «Das ist Chefsache», erklärt er lachend. Um den noch offenen Stoss, gemeint ist damit die Naht zwischen zwei Schienenstücken, sind in der nächsten Nachtschicht professionelle Schweisser zuständig. Provisorisch sichern die Verbindungslaschen. Solange die Schienen nicht verschweisst sind, hören die Bahnpassagiere in den Waggons ein typisches Geräusch aufgrund der unverschweissten Stösse: «Padang, padang, padang...». Neue Gleise müssen ausserdem neutralisiert werden, weil sie sich aufgrund von Temperaturunterschieden oder äusseren Krafteinwirkungen längs oder seitlich verschieben. Für diese Neutralisation müssen sie spannungsfrei liegen, um dann auf einen idealen mittleren Wert von 26 Grad erwärmt zu werden. Dank dieser Massnahme können Gleise der Ausdehnung im Sommer und der Zugkraft im Winter ohne  Verformungen standhalten. Beim Gleisbau unterliegt jeder Schritt einer genauen Berechnung: Standardprofile definieren dabei die Tiefe des Aushubgrabens, die Höhe der Schotterschicht und die Schräglage der Gleise für eine gesicherte Entwässerung. Dabei gelte es für die Gleisbauer, im Zentimeterbereich genau zu arbeiten, so Fachmann Guido Städler.

Ein Passant erkundigt sich beim Baustellenleiter, warum die Schienen nicht wie bei den SBB bereits vormontiert in den Aushubgraben verlegt werden und ob mit dieser Technik nicht schneller vorwärtszukommen wäre. Guido Städler erklärt, dass eine Vormontage nur mit speziellen, immens teuren Maschinen möglich wäre. Bei den Appenzeller Bahnen habe sich der konventionelle Gleisbau gegenüber dem maschinellen Bau wie bei den SBB klar als die günstigere Variante erwiesen. Auch darum, weil auf dem AB-Streckennetz alle Schienen gut zugänglich entlang von Hauptstrassen liegen. Grössere Umbauarbeiten wie in dieser Nacht sind nur durch zusätzliches Personal professioneller Gleisbaufirmen zu bewältigen. Während Guido Städler mit Gleisbauern der Appenzeller Bahnen arbeitet, ist auf der Nachtbaustelle Bühler ein externes Team am Werk. Unter Zeitdruck stehen die einen wie die anderen. Eine Menge Material wird hin- und hertransportiert. Beim Gleisabbruch in Niederteufen galt es 110 Tonnen alten dreckigen Schotters zu entsorgen. Die gleiche Menge Material muss wieder eingefüllt werden. Damit die Schienen fest im Boden fixiert sind, kommt die sogenannte Krampmaschine zum Einsatz. Wie ein riesiges gelbes Insekt verkehrt das Hightechgerät in dieser Nacht zwischen Niederteufen und Bühler. Bunte Lichter beleuchten die Schienen und starke Zangen bohren sich vibrierend in den Schotter und heben gleichzeitig die Schienen an. Wenn die Krampmaschine wie jetzt für die 2 x 54 Meter Gleisumbau sowieso im Einsatz ist, gehört gleichzeitig auch ein systematischer Gleisunterhalt dazu. So wird in dieser Nacht rund 1200 Meter nivelliertes Streckengleis mit hochpräsziser Lasertechnik auf den Millimeter exakt ausgerichtet. Gleichzeitig wird der Schotter um die Schwellen gestopft, damit dieser sehr kompakt liegt und die Schienen befestigt. Roman Huber koordiniert den Einsatz und überwacht die Krampmaschine und das Gelände von der Strasse her. Gleich hinter der Krampmaschine rollt dröhnend die Planiermaschine heran. Seitlich angebrachte «Flügel» drücken auf den Schotter und verdichten so den Boden für mehr Stabilität. Gerade rechtzeitig bevor der erste Zug fährt, kann die Krampmaschine auch noch den Streckenteil der Baustelle Steigbach-Bühler befahren. «Es ist zeitlich recht knapp geworden, aber wir haben es geschafft», erklärt Guido Städler. Er ist es gewohnt, nachts unter  zeitlicher Anspannung zu arbeiten. Sobald sich abzeichne, dass der Plan aufgehe, lasse der innerliche Druck jeweils nach.

«Wir fühlen uns einfach
viel sicherer, wenn Sie da sind.»

Situationen, in denen er unter Druck steht, kennt auch Sicherheitsmann Michael Zogg. Vor allem wegen manchmal  uneinsichtigen Fahrgästen. Wenn etwa jemand trotz klarer Ansage im Bus eine Zigarette anzünde, müsse er eingreifen und diese Person vor die Tür stellen. Wird jemandem schlecht, versorgt er den Betreffenden auch mit Papiertüten - im Idealfall rechtzeitig... Die groben Massnahmen seien aber sehr selten, betont der Sicherheitsmann. Meistens darf sich Michael Zogg einfach um die Ticketkontrolle kümmern. Freundlich grüsst er die nächtlichen Ausflügler, die er inzwischen die meisten kennt und sich über die persönlichen Kontrakte freut. Und gerne hört er die Aussage älterer Frauen: «Wir fühlen uns einfach viel sicherer, wenn Sie da sind».

 

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