>
FOCUS

FOCUS

«GUTES DESIGN IST KEINE FRAGE DES PERSÖNLICHEN GESCHMACKS»

Die Appenzeller Bahnen werden rundum modernisiert. Lauter Baulärm und Sprengungen begleiten den Fortschritt beim künftigen 700-Meter-Tunnel in der Ruckhalde in St. Gallen. Viele Interssierte nehmen an Baustellenführungen teil oder spähen beim Stadtspaziergang neugierig durch Absperrungen. Hinter verschlossenen Türen und viel leiser gestaltet sich dagegen die Design-Entwicklung für die neuen Züge der Appenzeller Bahnen. Ab 2018 werden zwischen Gossau-Appenzell-Wasserauen und zwischen Appenzell-St.Gallen-Trogen innen wie aussen neu gestaltete Züge verkehren. Beauftragt mit dem Zugdesign wurde die Zürcher Agentur Milani Design & Consulting AG. In Thalwil liegt die grossräumige Kreativstätte mit Blick über den Zürichsee. An Schreibtischen mit übergrossen Bildschirmen und modernster Software, arbeiten derzeit CEO Therese
Naef und ihr Team an zeitgemässen Produktedesigns. Für ihre nationale und internationale Kundschaft haben sie eine Methode entwickelt, welche die DNA, quasi das Erbgut einer Firma, detailliert erfasst.

«FARBEN SIND WICHTIG. FAHRGÄSTE MÜSSEN
SOFORT SEHEN KÖNNEN, WO DIE TÜREN SIND.»
Therese Naef, CEO Milani

Die Chefin erklärt gleich zu Beginn des Gesprächs: «Gutes Design ist keine Frage des persönlichen Geschmacks. Es muss zum Unternehmen passen. Wie ein Mensch, so hat auch eine Firma ihren eigenen Charakter. Wir sind in unserer Agentur darauf trainiert herauszufinden, was eine Firma ausmacht, wo allenfalls blinde Flecken bestehen zwischen dem, was ein Unternehmen sein möchte und dem, was es wirklich ist.» Das Ziel zu Beginn jedes Auftrags lautet deshalb für die 45-jährige Geschäftsführerin: den Kunden spüren und gleichzeitig eine wissenschaftliche Grundlage für kreatives Arbeiten schaffen. Eine Basis, die emotional geführte Diskussionen über Fragen des Geschmacks vermeiden kann. Das Milani-Team kennt sich aus mitZugdesigns. Man war unter anderem zusammen mit dem Zughersteller Bombardier für die Gestaltung von siebzig neuen Niederflurtrams in Zürich verantwortlich. Enthusiastisch berichtet die Agenturchefin von den vielen Teilprojekten innerhalb der Neugestaltung für die Appenzeller Bahnen. Was am Schluss als einheitliches Design wahrgenommen werden will, besteht aus vielen Puzzleteilen. Etliche Normen betreffen Brandschutz, Fluchtwege oder Rollstuhltauglichkeit. Sie müssen erfüllt sein. Geblendet vom Augenfälligen wie der Aussengrafik geht leicht vergessen, dass Designer auch planen müssen, wie etwa ein Rollstuhl im Gang wenden kann. Dann geht es natürlich um die optische Wirkung, um robuste Sessel und attraktive «angenehm-zum-Sitzen»-Stoffe oder die Wahl von  schmutzresistenten Bodenbelägen. Für jeden Bereich, bis hin zu funktionalen Abfallkübeln und Gepäckablagen, sind optimale Lösungen das Ziel. Hinter dem Besprechungstisch hängen an einer Kartonwand Ausdrucke mit dem dreidimensional dargestellten Innenraumkonzept. Aha, in der zweiten Klasse sitzt man künftig auf weinroten Sitzen, in der ersten Klasse auf schwarzen. Ein Blick auf den Bildschirm von Designer Jeremias Perren stillt die grösste Neugierde: Der Zug wird rot, mit einem schwarzen Band in der Mitte und weissen Türen. Zurück zum Anfang der Zusammenarbeit von Milani mit den Appenzeller Bahnen. Zur Firmen-Charakterstudie traf sich die Kreativcrew aus Thalwil mit Geschäftsleitung und Spezialisten der Appenzeller Bahnen. Schnell fiel der Entscheid, dass die feuerrote Farbe der Bahn auch künftig zur Identität der Marke gehört. In jedem Waggon sollen die Fahrgäste die Anlehnung an die Appenzeller Tracht erkennen durch das Element Kreuzstiche. Nicht nur die Wandgrafiken, auch die Sitze werden mit grünen und gelben Kreuzstichen verziert. Das Milani-Team stellt auch Hintergrundfragen, etwa, warum ein Kunde überhaupt in welchen Zug einsteigt. Das führte mitten in die angeregte Diskussion, wie modern oder traditionell ausgerichtet die Wahrnehmung der Appenzeller Bahnen künftig sein soll. Was die beiden neuen Züge betrifft, kam man zu folgender Erkenntnis: Zu Ausflügen Richtung Wasserauen zieht es mehr Touristen, während Richtung St. Gallen überdurchschnittlich viele berufstätige Pendler zusteigen. Und weil Freizeitfahrten und Arbeitsfahrten für die meisten Menschen nicht dasselbe sind, wird das neue einheitliche Design verwendet. Zugleich werden dekorative Elemente auf die jeweilige Zielgruppe angepasst. Zur Veranschaulichung ihrer Arbeitsweise deutet Therese Naef auf eine Entwurfstafel. AusKreuzstichen gestaltet, sind die Umrisse eines Sennenkopfs erkennbar; ein Wandmotiv für den «Touristenzug nach Wasserauen». Auf einem zweiten Bild sind Kreuzstiche mit der abstrahierten Alpsteinsilhouette abgebildet. Erkennbar ist der Alpstein aber nur für Kenner der Bergkette.

«WIE EIN MENSCH, SO HAT AUCH EINE FIRMA
IHREN EIGENEN CHARAKTER. WIR SIND
SPEZIALISIERT DARAUF HERAUSZUFINDEN,
WAS EINE FIRMA AUSMACHT.»
Therese Naef, CEO Milani

Dieses Wandmotiv ist für den «städtischen Pendlerzug » vorgesehen. Während die Gestaltung auf der touristischen Linie Traditionelles mit Modernem verbinden will, möchte man bei der Pendlerlinie optisch Tradition mit Urbanität verknüpfen. Die Farben sind ein grosses Thema in der Zuggestaltung. Es geht laut den Designern um mehr als Gefälligkeit: «Vor allem bei den unbewachten Bahnübergängen sollte man den Zug aus grosser Distanz bereits erkennen können. Unifarben sieht man schlechter, darum haben wir für die Triebwagen eine Schwarz-Rot-Kombination gewählt.» Auf der Bildschirmgrafik stechen die weissen Türen sofort ins Auge. Therese Naef betont: «Es ist wichtig, dass Fahrgäste sofort sehen, wo sich die Türen befinden. Das ist  speziell für Sehbehinderte oder Menschen mit anderen Handicaps bedeutsam.» In einem warmen Bronzeton gestaltet sind Armaturen und Gepäckträger. Auch hier wurde die Farbwahl nicht zufällig getroffen. Man orientierte sich am Farbton traditioneller Glocken. Die Gummiböden in der zweiten Klasse werden hell mit dunklen Sprenkeln. Der Grund: Die Musterung kaschiert den Schmutz dreckiger Schuhe. Gebaut werden die neuen Züge für die Appenzeller Bahnen bei Stadler Rail in Bussnang. In der anstehenden Ausführungsphasehat das Milani-Team mehr mit Stadler zu tun als mit den Appenzeller Bahnen.

SCHNELL FIEL DER ENTSCHEID, DASS DIE
FEUERROTE FARBE DER BAHN AUCH KÜNFTIG
ZUR IDENDITÄT DER MARKE GEHÖRT.

Bei einem witzigen Detail steht der Entscheid des Auftraggebers aber noch aus: Seitlich der Sitze sind in der zweiten Klasse grüne Quadrate aufgenäht, in der ersten Klasse rote: «Auf diesen Etiketten würden wir gerne typische Appenzeller Dialektwörter sticken. Wenn das nicht akzeptiert wird, sticken wir vielleicht nur freundlich «Gute Fahrt» darauf. Wir wissen ja, die Techniker im Team haben für solche Spielereien in der Regel weniger übrig als in Jubel ausbrechende Marketingfachleute. Diese Diskussion läuft noch hitzig», sagt Therese Naef und lacht herzhaft.

Number of views (1713)/Comments (0)

Tags: