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SCHLUSSLICHT

SCHLUSSLICHT

GENETIK KUNTERBUNT

Im Sommer vor neun Jahren habe ich auf meiner ersten Balkan-Zugreise die Zwillinge Mina und Daria getroffen, und meinem Biolehrer nach Trogen eine Karte geschickt. Alle Hostels und nur halbwegs bezahlbaren Hotels während der Festival-Saison ausgebucht, bestieg ich kurz entschlossen den Nachtzug von Belgrad nach Bar. Die als eine der spektakulärsten Bahnstrecken der Welt bekannte Zugfahrt küsst drei Länder, überrollt 254 Brücken und schlängelt sich via 243 Tunnels durch das Dinarische Gebirge bis an die montenegrinische Küste. Karst und Wind – den Morgenkaffee wollte ich im pittoresken Kotor geniessen. Ohne eine Platzreservierung – «Einfach nach einem Sitz fragen», riet man mir am Schalter, klopfte ich an jede Kabinentür: Schlummernde Babys und Omas, Hunde und Katzen. Gestapelte Koffer und Körbe, betrunkene Studenten und ein pensionierter Männerchor. Müde machte ich mich Richtung Speisewagen: Wenn schon kein Bett, dann wenigstens ein Bier! An der Bar stiess ich auf zwei Frauen. Die eine klein und zierlich, mit dichten, blonden Locken, die andere gross, athletisch, mit schwarzem, glatten Haar. Mina, eine Physikerin, und Daria, eine Pfarrerin. Beider Passion: Fallschirmspringen. Sie hatten den gleichen Sinn für Humor, das gleiche wonnige Lachen. Freundinnen? Zwillinge! Zweieiige Zwillinge. Optisch voneinander verschieden,
teilen sie, im Gegensatz zu eineiigen Zwillingen, nicht dieselbe DNA, sondern individuelles Erbgut. Auf den von Elternteilen je 23 weitergegebenen Chromosomen befinden sich circa 25 000 Gene, die unser einzigartiges Erscheinungsbild bestimmen. Auch Bäume haben eine DNA, Bakterien, jeder Organismus. An der Frage, ob auch Charakterzüge vererbt werden, forscht die Wissenschaft. Und Sie? Haben Sie die Nase Ihres Vaters, das Temperament Ihrer Mutter? Und ich? Ich habe bei Sonnenaufgang meinen Kaffee getrunken. In Kotor. Da sollten Sie auch mal hin!

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