>
FOCUS

FOCUS

RUNDUM BERATEN IN HEIDEN

Beinahe vermisst Martin Künzli die Baustelle auf dem Bahnhof Heiden. Im engen Provisorium des Wartesaals hat der Mitarbeiter Verkauf bei den Appenzeller Bahnen während 68 Tagen die Reisenden beraten. Dabei genoss er es, dass sich Stammkunden fürsorglich nach seinem Befinden erkundigten: «Könnt ihr überhaupt arbeiten bei diesem Lärm und in diesen knappen Raumverhältnissen?», wurde er fast täglich gefragt. Es habe erstaunlich gut funktioniert, trotz der Emmissionen und improvisierten Abläufen, sagt Martin Künzli. Von November 2015 bis Februar 2016 dauerte der Umbau der alten Schalterhalle in Heiden in ein modernes Beratungszentrum, wo jetzt Angestellte der Appenzeller Bahnen und das Personal von Appenzellerland Tourismus AR eng verknüpft alle Kundenwünsche erfüllen.

 
«DIE ARBEITSABLÄUFE SIND VEREINFACHT. DIE
GÄSTE UND WIR FÜHLEN UNS HIER WOHL.»
Martin Künzli, Mitarbeiter Verkauf

Während der intensiven Umbauphase pflegten sowohl Angestellte von Bahn und Tourismus wie Handwerker gegenseitige Rücksicht. Martin Künzli erinnert sich gern an die Zusammenarbeit
unter erschwerten Umständen. 128 Quadratmeter Massivholz- und Spanplatten wurden verbaut und 84000 Löcher an der Decke sorgen für eine spürbar verbesserte Akustik. Das Resultat ist ein neues Beratungszentrum mit geschmackvoller Einrichtung. Der Raum wirkt frisch, die Funktionalität der dunklen Holzmöblierung stimmt und das einfallende Licht durch die Glasscheiben hebt die STimmung.
«Die Arbeitsabläufe sind vereinfacht und die Gäste und wir fühlen uns hier wohl», bringt es Martin Künzli auf den Punkt. Die Appenzeller Bahnen investierten in den Umbau 450 000 Franken. Sabrina Huber, Marktingleiterin bei den Appenzeller Bahnen, verglich in ihrer Ansprache an der Eröffnungsfeier Mitte Februar die 5,1 Millionen Gummi-Granulatkörner für den Boden, die genau der Anzahl Fahrgäste der Appenzeller Bahnen pro Jahr entsprechen. Wo zuvor Glasscheiben die Menschen künstlich trennten, steht man sich im neuen Beratungszentrum an einer modernen Theke persönlich gegenüber
und kann ungezwungen ein Gespräch führen. Vor dem Umbau gab es Schwierigkeiten in der Verständigung, sobald am Schalter bedient wurde, während hinten im Büro gleichzeitig Telefongespräche geführt wurden. Bei Martin Künzlis Job steht der persönliche Kundenkontakt im Zentrum. Das schätzt der Verkaufsmitarbeiter. Stehen Beratungen für Gruppenreisen oder komplexere Aufträge an, können Kunden wie in einem Reisebüro auf einem Stuhl Platz nehmen. Oft benötigen
Leute sowohl den Rat von Bahnexperten als auch von Touristikern. Wobei die Bahnangestellten eher touristische Fragen beantworten können, als dass Tourismusfachleute Aufgaben der Bahnmitarbeitenden übernehmen könnten. Fürs Ticketausstellen braucht es einen «Bähnler». Geht es aber um einfache Auskünfte wie die Öffnungszeiten des Kirchturms oder wann der nächste Zug in Rorschach losfährt, wissen alle Bescheid. Bis vor drei Jahren wurden Kunden mit touristischen Anliegen ein paar Meter weiter ins Büro der Tourist Information Heiden geschickt. Der Tourismus-
Hauptsitz existiert parallel immer noch. Laut Geschäftsführer von Appenzellerland Tourismus AR, Urs Berger, wurden im vergangenen Jahr insgesamt 4500 Beratungen am Schalter durchgeführt, 2800 Anfragen per E-Mail beantwortet und 1800 Telefonauskünfte erteilt. Mit den neuen Räumlichkeiten im
Bahnhof wurden Synergien geschaffen zwischen Appenzeller Bahnen und Tourismus, doch der Kunde merkt dies nicht unbedingt. Muss er auch nicht. Wer mit einer Gruppe einen gemütlichen Tag in Heiden verbringen möchte und im offenen Bahnwagen anzureisen wünscht, der wird von Angestellten zweier Arbeitgeber bedient. Wenn Martin Künzli beispielsweise ideale Verbindungen vom Ausgangspunkt bis nach Heiden heraussucht, kann Kollegin Edith Grand von der Touristinfo zwischenzeitlich die Route für einen gemütlichen Bummel durchs Biedermeiderdorf planen oder für die Gäste eine geführte Kräuterwanderung organisieren, oder den Besuch im Henry-Dunant-Museum aufgleisen. Oft organisiert

Martin Künzli Rundfahrten in Kombination mit dem Witzweg für Gruppen aus Süddeutschland. In Heiden geht es für diese los auf einem acht Kilometer langen Spaziergang mit viel Lachen über die vielen «listigträfen » Appenzeller Witze. Der Klassiker «Witzweg» ziehe immer noch viel Publikum an, sagt Martin Künzli. Für ihn und seine Kolleginnen ist das neue Beratungszentrum ein stimmiger Arbeitsplatz, der Ruhe ausstrahlt und nach aussen einladend wirkt. Touristiker Urs Berger freut sich über die attraktive Anlaufstelle mit zeitgemässen Arbeitsbedingungen. Erst jetzt lasse sich am Tresen eine Landkarte richtig ausbreiten. Edith Grand demonstriert spontan, wie sie anhand der Karte Touren aller Art erklärt. Wie sehr sich Kunden für die neue Drehscheibe in Heiden interessieren, zeigte sich an der Eröffnungsfeier am 19. Februar. Beim Apéro mit Weisswein herrschte grosses Gedränge unter dem neugierigen Publikum. «Pumpenvoll» war's, erinnert sich das Personal unisono. «Mit 120 bis 140 Gästen war bald kein Durchkommen mehr», bestätigt auch Urs Berger. Gut, dass der Bahnhof in Heiden persönlich bedient werde, so ein oft gehörter Kommentar. Wo man sich vielerorts mit Billettautomaten begnügen muss, erhalten Kunden in Heiden von Mai bis Oktober sogar sonntags persönliche und freundliche Auskunft von einem Mitarbeiter der Bahn. «Die Leute realisieren wohl, dass dies nicht mehr selbstverständlich ist», sagt auch Martin Künzli, der viele seiner treuen Bahngäste kennt. Mit einem Schmunzeln berichtet er, dass das Einzugsgebiet hier in Heiden ziemlich gross sei.

 

«DAS KUNDEN-EINZUGSGEBIET AM BAHNHOF
HEIDEN GEHT VON OBEREGG ÜBER EGGERSRIET,
BIS GRUB UND RORSCHACH.»
Martin Künzli, Mitarbeiter Verkauf


Ob von Oberegg, Eggersriet, Grub oder Rorschach kommend, lassen sich Kunden von ihm auch aufwändige Reisen organisieren. «In zehn Minuten stelle ich Ihnen auch ein Bahnbillett von Heiden nach Paris und zurück aus», erklärt Künzli die Zusammenarbeit mit dem internationalen Ticketverkauf der SBB. Das Aussergewöhnliche auf der Linie Rorschach-Heiden ist und bleiben die Fahrten im offenen Aussichtswagen. Wer es noch nostalgischer mag, erkundigt sich im Bahnzentrum nach einer Fahrt mit Dampflok Rosa und lässt es sich anschliessend in Heiden in einem Restaurant gut gehen. Natürlich
nicht, ohne vorher die Aussicht vom Kirchturm aus genossen zu haben. 157 Treppenstufen führen hinauf bis zum Turmzimmer, wo sich ein herrlicher Ausblick über den Bodensee und die liebliche Hügellanschaft rund um Heiden öffnet. Gruppen können das Turmzimmer auch ausserhalb der Öffnungszeiten mieten. Weitere Infos zu diesem und anderen Erlebnissen gibt es ja nun in gediegener
Umgebung im Beratungszentrum am Bahnhof.

Number of views (1501)/Comments (0)

Tags: