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SCHLUSSLICHT

SCHLUSSLICHT

APPENZELL EINFACH

Flugzeug, Schiff oder Zug – wie reisen Sie am liebsten um die Welt? Auf dem Schiff wird mir übel und das Abenteuer in lichten Höhen hat seinen wildromantischen Charme zwischen Monsunwirren in Laos und vereisten Propellern oberhalb der chilenischen Anden verloren. 100 Punkte für die Schienen! Dennoch ringt

mich kein Zug nach Anticosti. Da verbrachte ich nämlich dieses Jahr ein paar Tage. Auf dem Rückflug habe ich Ed getroffen, einen emeritierten Bankjuristen aus Boston. Er sei verliebt in die Schweiz, hat mir Ed  ugenzwinkernd verraten, und das seit bald dreissig Jahren. Die Zürcher Altstadt – Zigarre und Single Malt nach Händedruck und Paradeplatz –, doch besonders das Appenzellerland hätten es ihm angetan. Das Appenzellerland?, wiederholte ich amüsiert. Das Appenzellerland und Ed, eine Liebesgeschichte. Eine Liebesgeschichte mit Startschwierigkeiten: Als junger Anwalt sollte Ed einen Klienten in Gais zum Jagdwochenende treffen. Übermüdet vom Flug bestieg er in Kloten den Zug Richtung St. Gallen, weiter die Appenzeller Bahnen. Man wollte ihn am Bahnhof Gais abholen. Ein kurzes Einnicken, fatale Minuten. Als Ed die Augen aufschlug, stand der Zug still. Appenzell. Nur eine Zürcher Geschäftsnummer und hundert Franken im Hosensack, entschied sich Ed, die Wartezeit bis zur  Rückfahrt im fremden Örtchen zu überbrücken. Er schlenderte durch die pittoresken Gassen, probierte Käse und Wurst, Biber und Bier. Verpasste einen Zug. Einen nächsten. Zurück auf den Schienen studierte er wehmütig das vorbeiziehende Panorama: Die schroffen, wie Haifischflossen in den Himmel ragenden Flanken, die sanft rollenden Hügel mit ihren schwarzweissen Tupfen: Kühe, Schafe, tanzende Schatten. Der Deal sei geplatzt, der Klient habenicht stundenlang am Bahnhof gewartet. Und Ed? Ed fährt Ende Juni, wie jeden Sommer, mit seiner Frau nach Appenzell. Und ich treffe sie auf halbem Weg.

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