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DIE BAHN IN SZENE GESETZT – MIT SPRAYDOSE UND PINSEL

Die roten Züge der Appenzeller Bahnen sind nicht nur ein Fotosujet für Reisetouristen. Sie haben auch drei Künstler inspiriert – auf ganz unterschiedliche Weise. Am Hauptsitz der Appenzeller Bahnen in Herisau hängt ein buntes Graffitibild von Pirmin Breu über dem Tisch im Sitzungszimmer. In gesprayten Schichten überlagern sich darauf Motive der Appenzeller Bahnen mit Szenen von Alpaufzügen. «Die Alp auf dem Zug», diese Kombination meint der Künstler durchaus wörtlich. Beides sind für ihn persönlich wichtige Symbole geworden: Der Zug, weil seine geliebte Graffitikunst ihre Geburtsstunde mit besprayten Eisenbahnwaggons im New York der 60er Jahre feierte. Und die sennischen Sujets, weil Pirmin Breus Vater ein Appenzeller aus Oberegg ist und der Sohn sich damit beschäftigt, in den Appenzeller Traditionen die eigenen Wurzeln zu erforschen. Das Graffiti als anerkannte Kunstform vom Schatten der Illegalität zu befreien, dieses Anliegen verfolgt Pirmin Breu seit zwanzig Jahren.

«DIE ALP AUF DEM ZUG. BEIDES
SIND FÜR MICH PERSÖNLICH
WICHTIGE SYMBOLE GEWORDEN.»

Pirmin Breu, Graffiti-Künstler

Die Motivation, sich mit einer schnellen Technik auf einer grossen Fläche auszuleben, treibt den gelernten Schriften- und Reklamemaler seit jeher an. Bereits als junger Mann verfolgte er das Ziel, mit gesprayten Grossformaten seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, zumal sich der erlernte Beruf von der Handarbeit an den Computer verschob. Indirekt bei der Graffiti- Karriere geholfen haben dem heute 43-Jährigen die eigenen Jugendsünden. 14 Strafanzeigen und eine Nacht in Untersuchungshaft kassierte Pirmin Breu, weil er an seinem Wohnort im aargauischen Muri nachts Unterführungen, Garagenwände und Ähnliches besprayte. Die Geschädigten fanden zwar Gefallen an der farbenfrohen Gestaltung. Aber der Künstler vergass, alle vorher um Erlaubnis zu fragen. Dafür waren die Strafaufgaben für ihn manchmal fast wie eine Belohnung. So musste er zum Beispiel zur Strafe für das Elektrizitätswerk in Muri ein Bild sprayen, welches in irgendeiner Form mit Elektrizität zu tun hatte. Auf der Spurensuche zu seinen Wurzeln entdeckte Pirmin Breu die Appenzeller Bahnen. So plante er 2013 eine Graffiti-Ausstellung in Appenzell mit einer Performance zur Vernissage. Vor den Augen der Zuschauer besprayte der Künstler innert wenigen Minuten den ausgedienten Speisewagen «Rubino» mit Sennen und Kühen. Und lud die Gäste anschliessend zur Ausstellung ins Innere des Eisenbahnwagens. Den Einwand, dass er allzu stark mit eingängigen Klischees arbeite, lässt Pirmin Breu nicht gelten. Für ihn entspricht die Reduktion eines grossen Themas auf wenige Symbole genau dem, was er wolle. «Eine starke Wirkung und Aussage zu erzielen, ohne dabei eine Linie zu viel zu machen, genau das ist mein Ziel», erklärt Pirmin Breu. Und er betont, dass er sich für die Schablonen und die Umsetzung des Alpaufzugs auf den Zugskompositionen intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Wie viel Spass ausgelebte Kreativität machen kann, vermittelt Pirmin Breu auch an Schulen. Im Rahmen eines Kantonsprojekts im Aargau «Kultur macht Schule», zeigt er Unterstufenschülern, worauf es bei seiner Kunst ankommt. Die Schüler seien jeweils total begeistert, denn jeder noch so untalentierte Zeichner könne sprayen und entwickle dabei automatisch seine persönliche Handschrift, weiss Pirmin Breu aus vielfacher Erfahrung. Aber ob sprayen, zeichnen oder malen, die Entfaltung der Kreativität zu fördern, das sei ihm ein Anliegen. Dass die Kinder beim Sprayen ausserhalb des Workshops um Erlaubnis fragen sollen, das gehört freilich auch in die Kunstvermittlung. Im Gegensatz zu Pirmin Breus Kunst, sind die Werke der bekannten Bauernmalerin Lilly Langenegger sehr klein, mit exakt gemalten Motiven aus dem Appenzellerland, wo die Künstlerin auch lebt. Mitten im Gespräch klingelt in Lilly Langeneggers Küche in Gais das Telefon. Sie plaudert kurz, klemmt den Hörer zwischen Kopf und Schulter und schreibt sich den Termin mit dem Enkelkind auf den Handrücken. Sie müsse alles sofort notieren, sonst rennen die Gedanken wieder weg, erklärt die neunfache Grossmutter. Lilly Langenegger ist immer in Bewegung und beobachtet gleichzeitig wie ein Sperber, was um sie herum geschieht.

«BEIM ZUGFAHREN KANN ICH DIE
AUSSICHT IN MICH AUFSAUGEN UND DABEI
VIELE KLEINIGKEITEN ENTDECKEN».

Lilly Langenegger, Bauernmalerin

Wegen ihrer Hyperaktivität hat sie nie Autofahren gelernt: «Das wäre ganz schlecht herausgekommen. Ich wäre mit den Augen dauernd bei den Bäumen und in den Wolken. Darum ist das Zugfahren für mich so wunderbar, da kann ich die Aussicht in mich aufsaugen und dabei viele Kleinigkeiten entdecken.» Und wenn Lilly Langenegger nicht selber im Zug sitzt, sieht sie die Appenzeller Bahnen stündlich vor dem Stubenfenster ihres Bauernhauses im Bommes vorbeiziehen. Genau dieses Hügelpanorama vor dem Fenster hat sie im Buch «Tigerli kommt heim» verewigt. Reitende Kinder, spielende Katzen, kleine Häuser und mitten durch das Sommeridyll fährt die leuchtend rote Appenzeller Bahn durch saftig grüne Wiesen. Sogar die Aufschrift der Linie «Gais-Altstätten» ist gut lesbar auf dem Bild. Lilly Langenegger überlässt beim Malen nichts dem Zufall. An jedem Bild für ihre drei bekannten Kinderbücher hat sie rund 300 Stunden akribisch gearbeitet. Und zwischendurch spazierte und marschierte sie immer wieder zu ihren Motiven, um jedes Detail zu studieren. Viel einfacher wäre es für sie nach Fotos zu malen. Doch das kam für Lilly Langenegger nie in Frage. «Ich kann ja zeichnen», sagt sie dazu lakonisch. Und zieht es vor, ein jedes Ding vor Ort exakt anzuschauen und dabei eine Bleistiftskizze anzufertigen. Wenn es sein muss, korrigiert sie ihre Malerei auch mehrfach. Genau genommen hat es Lilly Langenegger auch beim zweiten Motiv mit den Appenzeller Bahnen für das Kinderbuch «Bläss und Zita». Eine rauchende Dampflokomotive zieht die roten Wagen durch die  Bilderbuchlandschaft von Gonten. Im Original wird die Dampflok «Madlaina» derzeit im Bahndepot in Herisau revidiert. Lilly Langenegger reiste ins Depot und studierte die Dampflok. Lokführer Paul Stehrenberger erklärte ihr, dass je nach Steigung die aus dem Schornstein austretende Dampf- und Rauchwolke eine andere Farbe hat. So malte Lilly Langenegger den Rauch in Gonten gemäss Recherche in transparentem Weiss. Fast alle Originale aus ihren drei Kinderbüchern hat die Bauernmalerin verkauft. Ein Panoramabild mit Alpaufzug bleibt in Famlienbesitz. Weitere dieser aufwendigen Bauernmalereien kann und will die heute 70-Jährige nicht mehr machen. «Ich werde immer komplizierter. Und mache es mir selber schwer. Aber ich will es auch nicht anders», erklärt Lilly Langenegger fast entschuldigend. Doch stillsitzen und ausruhen kann die quirlige Frau nicht. Dass sie das nicht muss, dafür sorgen auch ihre vielen Grosskinder. Und die Kinder im Reka-Feriendorf in Urnäsch. Regelmässig fährt Lilly Langenegger mit den Appenzeller Bahnen ins Rekadorf und spielt mit den Kindern. Schliesslich heissen dort drei Häuser so wie die Tiere in ihren Büchern: Bläss, Tigerli und Flöckli. Auch im Leben und Werk des 1995 verstorbenen Aussenseiter-Künstlers Hans Krüsi spielten Züge eine Rolle. Während drei Jahrzehnten reiste der gebürtige Appenzeller fast täglich mit der Bahn nach Zürich, wo er an der Bahnhofstrasse Blumen verkaufte. Aufgewachsen war Hans Krüsi bei Pflegeeltern und im Waisenhaus von Speicher. Entbehrungen prägten sein Leben früh. Gerne wäre er Gärtner geworden, stattdessen schlug er sich mit wechselnden Anstellungen durch. In St. Gallen, wo er lange lebte, war er stadtbekannt als «Blumenmannli» mit seinem bunt geschmückten Hut und dem Einkaufswagen im Schlepptau. Erst im Alter von 55 Jahren begann er regelmässig zu zeichnen und neben den Blumen auch Zeichnungen zu verkaufen. Der St. Galler Blumenhändler Hans Fischer, zu dem Hans Krüsi ein enges Vertrauensverhältnis entwickelte, stellte seine Werke als einer der Ersten aus. Anfangs der  80er Jahre entdeckte ihn die etablierte Kunstwelt, und Hans Krüsi brauchte sich von heute auf morgen keine  existenziellen Sorgen mehr zu machen. Seinen unverfälschten Stil und Ideenreichtum beeinflusste der plötzliche Erfolg nicht.

 
«ICH FUHR FÜR DIESES FOTO VON HANS KRÜSI
ZWEIMAL VON BERN INS APPENZELLERLAND.»

Siegfried Kuhn, Fotograf Murten

Hans Krüsi freute sich, als er 1992 von den Appenzeller Bahnen den Auftrag erhielt, einen frisch revidierten Velowagen zu bemalen. Die sieben grossformatigen Blechtafeln waren für den Künstler eine  ungewohnte Dimension. Der Einzelgänger malte eher kleinformatig, oft auf alltägliche Gegenstände wie Kartonteller oder Servietten. Im Depot der Appenzeller Bahnen in Herisau wagte er sich an das monumentale Werk.  Kunstvermittlerin Agathe Nisple schrieb die Laudatio zur Einweihung des Krüsi- Velowagens und hielt fest: «Ein Landschaftsband zieht sich um den Wagen herum, eine charakteristische appenzellische Landschaft, aber nicht ein Abbild, sondern eine individualisierte Neuschöpfung.» Sie schilderte Krüsis Landschaft, die mehr modelliert als gemalt erscheine, und schrieb von Velofahrern, die der Künstler kühn in Reihen von Kühen eingeordnet hat. Letzteres in Anspielung auf die Funktion des Wagens. Mit den Velotouristen wollte man bei den Appenzeller Bahnen die Linie Appenzell-Gais-Altstätten beleben. Sigfried Kuhn, Fotograf aus Murten, erinnert sich lebhaft. Für die Schweizer Illustrierte sollte er den Kunst-Zug mit Hans Krüsi in Szene setzen. Als er von Bern kommend in Herisau eintraf, sah Hans Krüsi nicht gut aus, und der Fotograf beschloss, am nächsten Tag nochmals anzureisen. Denn das Ehepaar Kuhn war mit Hans Krüsi befreundet und half mit, nach dessen Tod 1995, die vielen Tonbänder abzuhören, die der Künstler aufgenommen hatte. Hans Krüsi vermachte seinen Nachlass dem Kunstmuseum Thurgau. Die sieben demontierten Blechtafeln vom Velowagen sind aber im Besitz der Appenzeller Bahnen. Hans Krüsi verstand sich stets als Appenzeller und genoss nach dem Werk das Erstklassabo der Appenzeller Bahnen auf Lebzeiten.

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