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SCHLUSSLICHT

SCHLUSSLICHT

1X WELT RETOUR

 

Ich erzähle Ihnen heute eine Geschichte. Keine plumpe oder derbe Geschichte. Keine platte Parodie. Eine Geschichte von Ferne. Und Liebe. Und einer zauberhaft schicksalshaften Begegnung: Reisen ist mein Odem, meine Sehnsucht. Ein lebhaft züngelndes Feuer, das zuweilen neckisch zischt, zuweilen behaglich knackt. Mit 17 Jahren habe ich das erste Mal den Rucksack geschnallt, das Interrail-Ticket eingesteckt und stürmisch meine Mutter umarmt. Ein rotwangiges Mädchen mit Reisetagebuch; ein bisschen «bonjour», ein bisschen «thank you», stolz den Atlantik im Auge. Wenn immer möglich, reise ich mit der Bahn. Nirgends trifft man auf mehr Geschichten als auf Schienen. Ein Schnellzug, eine Schmalspurbahn – der Zug als rotierender  Mikrokosmos, ein Schmelztiegel von Gesichtern und Biografien, Kulturen und Sprachen. Und präzis auf einer solchen Bahnreise – auf halbem Weg zwischen Warschau und Krakau – habe ich 2007 Romolus getroffen.

 

Romolus, ein Presley-Songs summender Belgier, der seinen Namen der herben Schönheit des Kolosseums verdankt: «Es sei eine schwüle Septembernacht gewesen, verriet mir einst mein Vater, und meine Mutter seit knapp fünf Tagen seine Frau.» Romolus, entgegen meiner eigenen Motivation, war nicht aus Übermut in den Zug eingestiegen, sondern aus Missmut: Eine schmerzliche Trennung zwang ihn zur Ruhelosigkeit. In Krakau kritzelte er schnell seine Nummer auf meinen Arm, und ich gab ihm den Tipp mit auf den Weg, nach  Neuseeland zu reisen und in den winterlichen Nachthimmel zu blinzeln – dann werde alles gut. Und das tat er. Und wissen Sie was? Auch Eva aus Neukaledonien tat das. Just auf dem gleichen Stückchen Erde wie Romolus, just zur gleichen Zeit. In acht Wochen hole ich die beiden am Flughafen Zürich ab, und wir fahren, wie jedes Jahr, für zehn Tage mit dem Zug durch die Schweiz. Einzige Ausnahme 2015: Romolus und Eva sind bald zu dritt.

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