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BAHNFREUNDE HAUCHEN NOSTALGIEFAHRZEUGEN NEUES LEBEN EIN

Madlaina heisst die schwarzgrüne elegante Dame, die im Herisauer Depot der Appenzeller Bahnen restauriert wird. Fast wöchentlich trifft sich hier eine Handvoll handwerklich begabter, eifriger Bahnfreunde, um die Dampflok zurück auf die Schienen zu bringen. Von 1974 bis 2003 war die über hundertjährige Madlaina auf dem Netz der Appenzeller Bahnen unterwegs. Zuerst beabsichtigte der Dampflokiverein (DLV), die G 3/4 14 von Profis revidieren zu lassen. Doch die veranschlagten Kosten sprengten die finanziellen Möglichkeiten des Vereins bei weitem. Beinahe wollten die Mitglieder  kapitulieren. «Aber dann entschieden wir uns, selbst Hand anzulegen, ohne uns aber zeitlich unter Druck zu setzen», erklärt Andreas Schaad, Präsident des Dampflokivereins. Die Totalrevision von Madlaina dauert nun mehr acht Jahre, und die erste Fahrt auf der Strecke Gossau–Appenzell–Wasserauen ist in absehbarer Zeit in Sicht. Mit dem Erhalt des Kulturguts Dampflok wollen die  Bahnfreunde auch an den Ursprung der Industrialisierung erinnern. Tausende Arbeitsstunden, schätzt Andreas Schaad, hat ihre Madlaina inzwischen verschluckt. Nach der Demontage lagen hunderte von Einzelteilen bereit zur Revision. Aufwändig war der Aus- und Wiedereinbau des Kessels. Dieser wurde per LKW zur Reparatur nach Dintikon zur Firma Soder transportiert, um die Feuerbüchse zu reparieren. Einige Vereinsmitglieder reisten mehrfach dorthin, um tagelang mit der Trennscheibe an der Feuerbüchse mitzuarbeiten und so Kosten zu sparen.

«DIE REVISION VON MADLAINA SPRENGTE DEN
FINANZIELLEN RAHMEN DES VEREINS. SO
ENTSCHIEDEN WIR UNS, SELBST HAND ANZULEGEN.»

Andreas Schaad, Dampflokiverein

Auch der Kamin musste extern neu gegossen werden. Da blieb dem Verein immer noch die Aufgabe, die 10 000 Franken für den Guss aufzutreiben. Andreas Schaad engagiert sich für die Dampflok als Ausgleich zu seiner Arbeit als Lokführer. «Ich bin im Bahnhofgebäude von Gossau aufgewachsen. Jedes Mal wenn mir ein Schwefelgeruch in die Nase stieg, rannte ich hinaus, um die einfahrende Dampflok zu begrüssen», erklärt der 39-jährige Familienvater seine seit Kindertagen anhaltende Begeisterung für Nostalgiezüge. Nun hat er sich weitergebildet, um dann im Führerstand von Madlaina zu stehen und tüchtig Steinkohle einzuheizen. Geplant ist, dass die alte Dame mit einem herausgeputzten Salonwagen aus dem Jahre 1903 und einem nostalgischen Zweitklasswagen von 1933 bei öffentlichen Fahrten oder bei privaten Gesellschaftsanlässen zum Einsatz kommt. 1952 wurde die letzte originale Dampflok der Appenzeller Bahnen verschrottet. Engagierten Bahnfreunden ist es zu verdanken, dass die Nostalgiefahrzeuge trotzdem nicht von der Bildfläche verschwinden. Seit Jahren schon schnauft die Zahnrad-Dampflokomotive Rosa zwischen Rorschach und Heiden den Hügel hinauf. Unterhalten wird Rosa von den rund 30 aktiven Mitgliedern (von 400 Gönnern) des Vereins Eurovapor– Lokremise Sulgen. Auch hier ist es ein harter Kern von Männern, die sich in ihrer Freizeit oder nach der Pension, dem Erhalt von historischen Fahrzeugen verschrieben haben. Norbert Schalk kam vor drei Jahren zu Eurovapor.

«MEHR NOCH ALS DIE TECHNIK FASZINIERT
MICH DIE ÄSTHETIK UND DIE LEBENDIGKEIT DER
HISTORISCHEN FAHRZEUGE».

Norbert Schalk, Eurovapor

Ohne Auto, mit der Eisenbahn aufgewachsen, suchte er nach einem Hobby. Handwerklich sei er zwar nicht begabt, aber als Betreuer der Fahrgäste fand er im Verein bald eine wichtige Aufgabe. Mehr als die Technik fasziniert den 48-Jährigen die Ästhetik und die Lebendigkeit der alten Züge: «Ich mag die Gerüche, die Geräusche und die Langsamkeit. Wenn es zu rauchen beginnt, dampft, pfeift und wenn sich die Stangen der Dampflok bedächtig in Bewegung setzen». In solchen Momenten gibt sich Norbert Schalk nostalgischen Gefühlen hin. Gleichzeitig wacht er im Zug über die Sicherheit der Fahrgäste. Er passt auf, dass niemand unterwegs bei einem unplanmässigen Halt der Rosa aus dem Zug steigt. Wenn bei der Haltestelle Wienacht-Tobel gestoppt wird, um Wasser nachzufüllen, steht er für Auskünfte und die Sicherheit auf dem Perron bereit. Norbert Schalks Einsatz wird sehr geschätzt. Es ist für die Vereinsmitglieder aufwändig, für die  jährlich rund 20 bis 25 öffentlichen Fahrten und die Extrafahrten mit der Rosa genügend ehrenamtliches Personal zu finden. So braucht es nebst Lokführer, Heizer und der «Aussicht», die zuhinterst im Wagen stehend mit dem Lokführer Funkkontakt hält, auch den Gästebetreuer, der die Übersicht hat, die Billette knipst und freundlich Auskunft gibt. Der Verein freut sich darum über neue Mitglieder. Die verschiedenen Jobs rund um den Dampflokbetrieb sind zeitaufwändig. So muss Rosa bereits vier Stunden vor der Fahrt eingeheizt werden. So wie kürzlich für die Erlebnisfahrten zum Biedermeierfest in Heiden. Häufig dampft es auf der der Linie Rorschach–Heiden aber auch bei privaten Festen wie Hochzeiten und Geburtstagen. Die Appenzeller Bahnen unterstützen die Bahnfreunde-Vereine, indem sie den Nostalgiezügen in den Depots ein Dach über dem Kopf gewähren und dafür sorgen, dass die historischen Züge auf ihrem Schienennetz zwischen den regulären Zügen verkehren können. Die Infrastruktur ist gesichert, aber für den Unterhalt der Loks und Wagen sind die Vereine verantwortlich. Woher seine Liebe zu historischen Schienenfahrzeugen stammt, das weiss Alexander Bless, Präsident des Vereins AG 2 nicht. Er lächelt, zuckt die Schultern und sagt, dass er sich von klein auf brennend für die alten Zugkompositionen interessiert hat. «Jetzt kümmere ich mich mit meinen Vereinskollegen um Sanierungskonzepte für unsere 15 Nostalgiefahrzeuge der Appenzeller Bahnen, um Sponsorensuche und um die Organisation von Charterfahrten», erklärt Alexander Bless und führt zum Vorzeigestück des Vereins ins Depot Herisau. Hier steht der restaurierte Triebwagen der ehemaligen Altstätten- Gais–Bahn, der AG 2, welcher dem Verein bei seiner Gründung 2002 als Namensgeber diente. Dank des Aufrufs von Initiant Daniel  Hofstetter, der damals weitere Interessierte suchte, konnte der historisch wertvolle Triebwagen mit Jahrgang 1911 vor der Verschrottung bewahrt werden. Zu den Interessierten von einst gehörte auch Alexander Bless, der nun das polierte Herzstück des Vereins präsentiert. Tausende Stunden Fronarbeit stecken in der Holzausstattung und im technischen Innenleben des AG 2, bevor er wieder fahrtüchtig auf den Schienen stand. Vor einem Jahr konnte sich der Verein einen lange gehegten Wunsch erfüllen und den Wieder-Einbau des ursprünglichen Zahnradantriebes an Stadler Rail in Auftrag geben. Seit Vereinsgründung stand die Idee im Zentrum, den alten Triebwagen erneut auf seiner Ursprungsstrecke den Stoss hinauf fahren zu lassen. Rund 800 000 Franken kostete der Zahnradantrieb. Die Finanzierung ist ein Teil der Vereinsaufgaben. Rund ein Dutzend AG 2-Mitglieder engagieren sich aktiv bei den Restaurationsarbeiten. Sie reparieren undichte Dächer, kaschieren mit Pinsel und Farbe unschöne Stellen oder verbauen Leisten und pflegen die alte Technik. Alexander Bless sucht gegenwärtig neue aktive Mitglieder, die sich an solchen Unterhaltsarbeiten beteiligen möchten.

«ENDLICH KONNTEN WIR DEN WIEDEREINBAU
DES ZAHNRADBETRIEBES IN AUFTRAG GEBEN.»

Alexander Bless, AG 2 – Verein historische Appenzeller Bahnen

Mehr Mitglieder wünscht sich auch der im August 2010 gegründete Museumsverein Appenzeller Bahnen. Die Fäden laufen hier bei Präsident Yvo Buschauer zusammen. Der Initiant und eifrige Sammler ist ein Kenner der Appenzeller Bahnen und hat vor zwei Jahren, anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Strecke Appenzell–Wasserauen, ein spannendes Buch über die ursprünglich geplante «Bahn zum Säntis» verfasst. Weil das Säntis-Bahnprojekt den Wirren des Ersten Weltkrieges zum Opfer fiel, heisst die Endstation der Linie auch heute noch Wasserauen. Geht Yvo Buschauers grösster Wunsch in Erfüllung, kommt am Fusse der Ebenalp, als Ergänzung zur Werkstätte für historische Fahrzeuge, bald das neue Museum der Appenzeller Bahnen zustande. Es soll ein Ort werden, welcher die Geschichte der Bahn und ihre Bedeutung für die Bevölkerung und den Tourismus dokumentiert. Noch sind etliche Fragen und die Finanzierung für ein Museum offen.  

«ICH BIN ÜBERZEUGT, DASS PENSIONIERTE BÄHNLER
ZU HAUSE HISTORISCH INTERESSANTE DINGE
DER APPENZELLER BAHNEN AUFBEWAHRT HABEN.»

Yvo Buschauer, Museumsverein Appenzeller Bahnen

Aber Yvo Buschauer ist voller Energie, und der Keller seines Hauses in Appenzell ist bereits gut gefüllt mit Erinnerungsstücken. Unermüdlich sammelt der 70-Jährige Fotos, Lampen, Baupläne, Uniformen, Billettkassen oder Plakate. Solche Schätze vermutet Yvo Buschauer auch in den Kellerabteilen  mancher Altersgenossen. «Ich bin überzeugt, dass es pensionierte Bähnler gibt, die zu Hause historisch interessante Dinge der Appenzeller Bahnen aufbewahrt haben», sagt der Appenzeller und hofft, dass die Bahnfreunde ihre Erinnerungsstücke dem zukünftigen Museum anvertrauen werden. Die Appenzeller Bahnen unterstützen das Anliegen. Auf die ehemaligen Bähnler setzt Präsident Buschauer in mehrfacher Hinsicht. Sie könnten Vereinsmitglieder werden und das Museum mitbetreuen. Weitere Zukunftsgedanken des Bahnfreundes sind die Gründung einer Stiftung oder eines Dachverbandes aller Appenzeller-Bahnvereine und dass Schulklassen und Wandergruppen während ihren Ausflügen einen Abstecher ins Bahnmuseum einplanen. Und weil der Vereinspräsident mit der ersten Ausstellung nicht bis zur Realisation eines Museumsbaus warten will, dient für die Ausstellung zur 125-jährigen Geschichte der Bahnlinie St.Gallen–Gais, der vom Verein AG 2 restaurierte Triebwagen als attraktives Provisorium.


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