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GESCHICHTE DER ZAHNRADBAHN NEU AUFGEGLEIST UND ARCHIVIERT

Die Regale im Estrich des Mercato Shops in Herisau waren vollgestopft mit alten Schachteln, Ordnern und dicken Couverts. Auf die verstaubten Aktenberge traf Historikerin Gerda Leipold im Frühling 2013. Was da so unsortiert im Regal lagerte, waren Unterlagen zur Rorschach-Heiden- Bergbahn (RHB), deren Geschichte. 1871 damit begann, dass sich der aufblühende Kurort Heiden um eine Bahnverbindung zur Handels- und Hafenstadt Rorschach bemühte. Die damals beigezogenen Eisenbahningenieure Niklaus Riggenbach und Peter Olivier Zschokke rieten zu einem modernen Zahnradprojekt mit Normalspur. Zahnradbahnen waren Pioniergeschichten, es gab in der Schweiz erst die Rigibahn, 1874 sollte die zweite folgen.


«Geschichte ist Wichtig. Ich treffe oft Leute,
denen es ein Grundbedürfnis ist zu erfahren,
wie etwas entstanden ist».

Ordnung ins Chaos des Archiv zu bringen und die Informationsflut rund um die RHB für künftige Forschungen aufzubereiten, diesen Auftrag vergaben die Appenzeller Bahnen und das Staatsarchiv AR an Gerda Leipold. «Geschichte ist wichtig. Ich treffe oft Leute, denen es ein Grundbedürfnis ist zu erfahren, wie etwas entstanden ist. Denn erst aus dem Wissen um die Vergangenheit lernen Menschen zu verstehen. Aber auch diese Archivarbeit begann mit unschöner Desorientierung», sagt Gerda Leipold und lächelt mit dem Gesichtsausdruck einer Frau, die weiss, wovon sie spricht. Als ausgewiesene Historikerin hat sie schon mehrfach öffentliche und private Archive bearbeitet und organisiert. Es gehe auch darum, die Einzigartigkeit einer Unternehmung mit ihrer Geschichte zu illustrieren, erklärt die Archivarin. Daran haben die Appenzeller Bahnen Interesse. Und das Staatsarchiv ist unter Leitung von Peter Witschi daran, bedeutende Appenzeller Privatarchive wie jenes der RHB aufzuarbeiten und zu sichern. Bei der ersten Durchsicht der Dokumente aus den Jahren 1874 bis 2006 wusste Gerda Leipold nicht, ob sich im jeweils nächsten Couvert noch besseres Material verbirgt. Systematisch grub sie sich durch die Unterlagen. Für einen roten Faden hat sie nebst der Chronologie auch die visuellen Elemente zusammengefasst. Sie gliederte die Dokumente in Themen wie Technik, Gleisbau, Rollmaterial, Elektifizierung, Bahnhof, Stationen, Jubiläen. Sie ordnete Fotos in thematischer wie chronologischer Reihenfolge. Und stiess dabei auf manche Überraschung. Etwa darauf, dass die Heidler Hoteliersfrau Emma Altherr neben der örtlichen Lesegesellschaft die treibende Kraft hinter dem Bahnbau war. Als Hotelière der renommierten Kuranstalt zum Freihof und des Hotels Schweizerhof profitierte die Initiantin direkt von der Bahnerschliessung.

 

«Persönliche Geschichten faszinieren mich.
Wie das Fotoalbum, das die Belegschaft
dem Betriebschef schenkte».


Solche Geschichten faszinierten Gerda Leipold auch bei den privaten Bildern, die sie neben den offiziellen Fotos von Jubiläen und Eröffnungsfeiern fand. So etwa ein Fotoalbum, das die Belegschaft dem Betriebschef zum Geschenk gemacht hatte. Den Eindruck von einem familiären Zusammenhalt unter den Bediensteten gewann Gerda Leipold bei den Postkarten, die aus dem Aktivdienst von 1939 bis 1945 oder aus den Ferien an die zurückgebliebenen Arbeitskollegen verschickt wurden. Firmentreue war selbstverständlich. Die Historikerin entdeckte neben wunderschönen handgezeichneten und kolorierten alten Bauplänen aus dem Jahre 1874 auch ein handgeschriebenes Tagebuch des  Betriebschefs J. A. Haltmayer aus den Jahren 1875 bis 1892. Staunen liess die Archivarin die ausführliche Korrespondenz unter den Technikpionieren. Auf der Suche nach dem optimalen Material und der perfekten Form für das Zahnradsystem – dem technischen Herzstück der Bahn – tauschten sich die  Eisenbahningenieure weiträumig rege aus. Ergebnis waren Optimierungen und faszinierende Darstellungen des Zahnkranzes nach dem System Riggenbach. Erhalten sind die Gründungsverträge der RHB, die auch die finanziellen Engagements der «Internationalen Gesellschaft für Bergbahnen» und von Basler Financiers zeigen.

 
«Da zu jener Zeit erst wenig
Fotografiert wurde, existiert nur
ein einziges Baufoto von 1874».

Als die Finanzierung gesichert war, konnte 1874 mit den Bauarbeiten begonnen werden. Die Bauphase bis zur Eröffnung ist fotografisch praktisch nicht dokumentiert, da zu jener Zeit erst wenig fotografiert wurde. Es existiert nur ein einziges Baufoto vom Heidener Tobel. Die grosse Auffüllung des Tobels und der Felsschnitt im Kreienwald stellten die Arbeiter vor zwei grössere Schwierigkeiten. Bei ihrer Eröffnung 1875 nahm die RHB den Betrieb mit drei Dampflokomotiven und sechs Personenwagen auf. Nach Schwierigkeiten wegen hoher Betriebskosten, verursacht durch Naturgewalten und den daraus folgenden Schäden, gelang 1900 der Aufschwung. Eine vierte Dampflok wurde angeschafft, die Strecke zum Steinbruch Wienacht-Tobel wurde mit hoher Frequenz befahren – mit schwer beladenen Wagen voller Steine. Der aussergewöhnliche Plan zu dieser Dampflok kann auf der historischen Plattform AR/AI www.zeitzeugnisse.ch betrachtet werden. Vor hundert Jahren verkehrten auch einige spezielle Fahrzeuge auf diesem Schienennetz. Dazu zählten ein doppelstöckiger Aussichtswagen und ab 1919 für kurze Zeit ein Motorwagen. Ausserdem kam 1938 mit dem Benzinmotorwagen «Roter Pfeil» ein Eigenbau zum Einsatz. Gerda Leipold entdeckte während den sechs Monaten, in denen sie tief in die Geschichte der RHB eintauchte, auch so kuriose Dinge wie eine Menükarte für die prominenten Festgäste bei der offiziellen Einweihung der elektrifizierten Bahn. Ebendiese Elektrifizierung, im Mai 1930 eingeführt, gilt als Meilenstein. Insgesamt 400 Stunden lang sortierte und verzeichnete Gerda Leipold die Akten der RHB. Fein säuberlich klassiert und in säurefreien Mappen und Schachteln abgelegt für die Ewigkeit, sind nun sämtliche Unterlagen im Staaatsarchiv AR in Herisau. Die Dokumente reichen hin bis zur jüngeren Geschichte der RHB, mit unbedienten Haltestellen und unbegleiteten Zügen auf der beliebten Ausflugsstrecke. In 39 grossen grauen Schachteln unter der Nummer PA168 kann das Archiv von Interessierten auf Anmeldung im Staatsarchiv eingesehen werden. Zahlreiche Fotos, Pläne und Plakate sind digitalisiert vorhanden.

 

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