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EINGESTIEGEN

EINGESTIEGEN

MIT 84 JAHREN PER BAHN ZUR BÜEZ

 

Morgens um halb sieben steigt Kriemhilde King in Speicher in den Zug und fährt mit den Appenzeller Bahnen zur Arbeit nach St. Gallen. Sie könnte auch eine spätere Verbindung nehmen, denn Kriemhilde King ist 84. Aber später aufstehen, das kommt für die Damenschneiderin mit eigenem Atelier nicht in Frage. Die geregelte Tagesstruktur ist ihr wichtig. Sie freut sich, morgens am Bahnhof vertraute Gesichter zu treffen und im Bahnabteil einen Schwatz mit dem netten Lehrer zu halten, der jeden Tag den gleichen Zug nimmt. Sie tauscht sich mit einer Schülerin aus und mit einer Frau, die stets nach einem Platz in ihrer Nähe späht, weil es hier am fröhlichsten zu und her gehe. Das Pendeln mit der Bahn bietet Kriemhilde King unkompliziertes Unterwegssein, ohne dass sie viel laufen muss.

Selbstständig gemacht hat sie sich erst mit 60 Jahren. Damals verlor sie nach fast vier Jahrzehnten als Ateliersleiterin in einer St. Galler Konfektionsschneiderei wegen Geschäftsaufgabe ihre Stelle. Ermutigt von der Schwiegertochter, eröffnete Kriemhilde King 1990 ihr eigenes Atelier. Inzwischen erfüllt sie vor allem Änderungswünsche und näht nur noch ab und zu neue Kleider. Um die Mittagszeit ist Arbeitsschluss und die rüstige Seniorin fährt mit der Bahn zurück nach Speicher, wo sie im Haus ihres Sohnes und der Schwiegertochter in einer eigenen kleinen Wohnung lebt. Jeden Donnerstagabend unternimmt sie einen zweiten Bahnausflug nach St. Gallen, um vier Frauen einen Nähkurs zu erteilen. Auch der Freitag hat im Alltag von Kriemhilde King eine Sonderstellung. Denn da fährt sie mit der Bahn nicht ins Atelier, sondern Richtung Notkersegg. Dort bessert sie beschädigte Kleider der Ordensfrauen aus. Das Kloster und die Schwestern sind für sie eine zweite Heimat geworden, wo sie mittags bei Suppe, Brot und Käse die Gemeinschaft geniesst.

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