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SCHLUSSLICHT

SCHLUSSLICHT

ZUGGEFLÜSTER


Froilein S. ist Studentin, Texterin, Poetin, und stets mit dem ÖV unterwegs.

Sie kennen die Situation: Sie sitzen im Zug und können sich nicht auf Ihre Zeitung konzentrieren, weil immer jemand telefoniert. Sie werden Zeuge diverser Belanglosigkeiten, ob Sie wollen oder nicht: «Lars ist schon wieder zu spät von der Schule heimgekommen.» Oder: «Heute Morgen hatte es hinter dem Haus bereits 22 Grad!» Oder: «Karin isst nur noch Früchte.» Oder: «Gaby war gestern im Restaurant ‹Bahnhöfli›, aber nicht mit ihrem Mann Urs, sondern mit einem Typen aus dem Nachbardorf.» Wissen Sie was? Es interessiert mich nicht, dass Gaby Urs betrügt. Und es interessiert mich ebenso wenig, dass Karin neuerdings eine Frutarierin ist. «Zwanghaft», wie ich erfahre. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass mich ein Telefonat ganz und gar in seinen Bann gezogen hat. So zum Beispiel kürzlich: Mit einem Geschenk auf dem Schoss fuhr ich von Urnäsch nach Herisau. Ein Freund hatte Geburtstag. In Waldstatt stieg ein Passagier zu. Er telefonierte.
Mit sonorer Stimme beschwor er die Person am anderen Ende der Leitung. Ich konnte jedes einzelne Wort verstehen. Von  Feuerland an der Spitze des südamerikanischen Kontinents sprach er. Von einem versunkenen Goldschatz und von einer mysteriösen Karte: «Wie? Nein, nicht die Portugiesen, die Engländer. Was? Aber selbstverständlich: eine topsichere Sache! Wir fliegen nach Ushuaia. Von da ist es ein Katzensprung bis nach San Pedro de… Utopisch? Blödsinn! Ich kenne den Weg. Ich habe die Karte. Sie ist...» Ich lauschte wie gebannt und kritzelte kurzerhand Notizen auf das Geschenkpapier. Dann hielt der Zug: Herisau. Verflixt! Ich blieb sitzen. «Knapp 850 Meter vor der Küste liegt das Wrack auf Grund. Koordinaten? 54° 47’ Süd und 68° 19’… Herrje, ich muss umsteigen, wir sind in Gossau!» Und weg war er. Ich kramte das Handy aus der Tasche und wählte die Nummer des Freundes: «Du, sorry, ich verspäte mich ein wenig – ich war noch auf Schatzsuche».

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